Rezensionen Konzerte

Frankenpost

Dem Schmerz, der Schönheit verfallen
Erschienen im Ressort Schauplatz-Hof am 09.07.2007
HOF

Wenn Yu Kosuge erst mal die Hände auf die Tasten legt, dann muss sie wissen: Für drei lange Viertelstunden darf sie nun nicht mehr zu spielen aufhören. Keine Ruhezeiten, kaum eine Pause nur einmal, vor dem zweiten Satz, ein paar Takte gespannten Abwartens gesteht Sergej Rachmaninow in seinem dritten Klavierkonzert der 24-jährigen Japanerin zu. Ein Höchstmaß an Körperkraft, Ausdrucksvielfalt, Bekenntnisfähigkeit verlangt das Werk, eines der schwersten seiner Art. Doch die Interpretin triumphiert.
Nicht viel Musik brachten die Romantiker hervor, die noch rückhaltloser Gram und Tragik beschwört; nicht viel, die erschütternder anrührt. Hierin wohl liegt der doppelte Grund für den Jubel, mit dem das Publikum, beim letzten Hofer Abonnementkonzert der Symphoniker am Freitag im Festsaal, der Künstlerin huldigte. Eine lange Reihe schier endloser Augenblicke lang hatte Yu Kosuge (wie schon einmal, vor zwei Jahren, mit Tschaikowsky) die Gemüter unwiderstehlich auf Wogen tiefer Schwermut und hohen Genusses getragen. So schön war’s, dass es wehtat.
Dabei beginnt’s mit einer schlichten Sehnsuchtsmelodie. Doch gleich versucht das Orchester, auszubrechen auch wenn es unter Johannes Wildners Dirigat die eigenen Affektgebärden vielfach dämpft; und mit ihm zerrt Yu Kosuges Klavier aufbegehrend an fesselnder Beengung; bevor es sich wieder in sich selbst zurückzieht mit der Nervosität verflackernder Tiefentöne.
Der Flügel rauscht und raunt, fliegend laufen die Finger neben-, über-, durcheinander, die Töne perlen, Arabesken und Koloraturen glitzern Aber auf leere Kunstreiterei oder vordergründige Kummerorgien lässt die Interpretin sich nicht ein. Sie offenbart vielmehr, wie sich das Herz zusammenkrampft, wie die Musik todnah ausatmet und den Puls verhält, bevor die Solistin in der funkelnden Klavierkadenz, fast zornig, wieder Luft holt, tief.
Mit Zorn und Zärtlichkeit taucht sie die Variationen des Intermezzos in mal grellere, mal milde, mal flackernd verlöschende Schimmer der Leidenschaft; und beschwört mit trillernden, kreiselnden Irrlichterketten die Lebensgeister des sogleich sich anschließenden Finales. Dort, endlich, darf sie sich zu stolzer Selbstbehauptung ermannen: geräusch- und druckvoll ein Triumph, den Blechfanfaren und schmetterndes Orchestertutti noch befeuern; keiner allerdings, nach dem einfach alles gut wäre. Eine wehmütige Zugabe (vom selben Komponisten) beglaubigt: Solche Musik, vielleicht auch diese Musikerin, ist wie der Schönheit auch dem Schmerz verfallen. Dem Publikum kommt nach so viel Seelenaufruhr die Programmpause recht, um Kraft zu sammeln für den Rundgang durch die Bilder einer Ausstellung. Was das Orchester dem Melancholiker Rachmaninow an symphonischer Detailarbeit und Trennschärfe vorenthielten hier, bei Modest Mussorgskys Konzertsaalhit, zelebriert es Wildner doppelt ausgefeilt: Kontrastreich absolvieren die Musiker Kabinettstücke kollektiver Virtuosität. Voll Neugier macht sich Peter Lawrences Trompete mit der Promenade auf den Weg. Vor dem alten Schloss tönt die werbende Serenade des Saxofons nach vergeblicher Liebesmüh. Quecksilbrig überstürzen sich die Kinder in den Tuilerien, die Küken in ihren Eierschalen, das massenhafte Volk auf dem Marktplatz von Limoges; während die Totenschädel in den Katakomben unterweltliche Choräle von den letzten Dingen singen.
Hörtheater: Flöten, Klarinetten, Tuba, das knochenklappernde Schlagzeug oder das neu erworbene, tief grollende Tamtam nutzen die Chance, sich mit bühnentauglicher Plastizität zu inszenieren. Sinnenfroh greift der Dirigent in den Klangfarbentopf, mit reicher Ausbeute durchmustert er das Stimmungsrepertoire, wirkungsvoll drapiert er die sich bunt ablösenden Begebenheiten mit überraschenden Tempo- und Dynamiknuancen. Und wenn sich zuletzt, dröhnend feierlich und voll frommer Würde, das Große Tor von Kiew weit wie der Himmel öffnet, dann kann dahinter erst mal eine Weile nichts mehr kommen: nur die Sommerpause.

MICHAEL THUMSER

Yu Kosuge Klavierabend Nikolaisaal Potsdam 18.4.2006

Regionale Nachrichten 24.04.2006 Mit Fantasie durch die Geschichte

Begeisternder Klavierabend der jungen Yu Kosuge Die Fantasie ist für alle Kunst unverzichtbar; in der Musik ist ihr gar eine eigene kompositorische Gattung zugeordnet. Ursprünglich meint Fantasie ein aus dem Stegreif gespieltes Instrumentalstück. Doch bereits im 18. Jahrhundert bildet sich daraus eine thematisch frei gestaltete Instrumentalkomposition mit gewollt eigenwilligen Abweichungen. Die 1983 in Tokio geborene Yu Kosuge gab am Freitagabend im Nikolaisaalfoyer stilsicher einen Abriss der Fantasien von Bach bis Manuel de Falla. Im Sinn einer zweistimmigen Invention Bachs erklangen eine c-Moll-Fantasie, gefolgt von einem wahren Virtuosenstück in a-Moll. Mit sparsamem Pedalgebrauch kam Yu Kosuge der idealen Bachinterpretation sehr nah. Dann folgte auch schon der Wechsel zur Wiener Klassik. Bei Mozarts Fantasie d-Moll fand sie wieder den genau richtigen Ton und brachte gleich einer Verkündigung in präziser Anschlagskultur, das Werk aus dem Jahr 1782 zu Gehör. In Haydns Fantasie in C klang unüberhörbar ein Finalsatz eines Haydn-Klavierkonzertes an. Um die drei bekanntesten Klassiker zu komplettieren, folgte eine sehr Beethovensche Fantasie in der entlegenen Tonart H-Dur. Abwärts stürzende Tonkaskaden eröffnen das Werk, und nur behutsam gewinnt das gesangliche Thema Gestalt, durch rasende Läufe unterbrochen. Gegen Ende löst sich dann diese Fantasie in ein Thema mit Variationen auf. Entsprach Yu Kosuge Beethovens Anforderung an den Spieler völlig, zeigte sie diese Sicherheit auch in der Grazer Fantasie von Schubert. Ein frecher Tanz in der Mitte des Werkes entließ den Zuhörer in die Pause. Im zweiten Teil wurde es mit Chopins großer f-Moll-Fantasie von 1840/41 ganz romantisch. Auch Rachmaninow durfte in der Referenz an die Fantasie nicht fehlen. Sein Stück - eher an Schumann anknüpfend - und die Fuge in d-Moll ließen Reminiszenzen an Bachs I. Teil des Wohltemperierten Klaviers anklingen. Der absolute Hit aber war das Abschlusswerk des Abends. Die Rubinstein gewidmete Fantasie baética vereinigt höchste Virtuosität mit der Leidenschaft der Folklore der spanischen Heimat de Fallas. Fantasien in Einheit von Komposition und Interpretation, das war ein Hochgenuss, den die hoch begehrte Nachwuchspianistin servierte.

mamü

Yu Kosuge / Real Orquesta Sinfónica de Sevilla / Christian Arming (Dirigent)

Konzerte am 02.03. und 03.03.2006 in Sevilla

El Mundo 04.03.06

Eine gelungene Orchestervorführung auf höchsten Niveau

[...] Ein anderes großes Talent, noch jünger als der Dirigent ist die Japanerin YK. Sie spielte so überragend und brillant in ihrer Technik, und was am wichtigsten ist, voller Musikalität und mit Sensibilität, mit impulsiven und lyrischen Akzenten, verbunden mit spielerischem Witz und Humor, so dass das Stück in ein ganz besonderes Licht gerückt wurde. [...]

Kulturzeitung El Correo de Andalucia 05.03.06

Junge Romantiker
So viel Eleganz und Delikatesse verdiente einen begeisterten Applaus

[...] Aber ohne Zweifel war das an diesem Abend das herausragendste Ereignis der Auftritt der jungen Pianistin YK. Auf dem berühmten Duo "La ci darem la mano" aus dem Don Giovanni basiert das Werk des jungen Chopin, bei dem die junge Interpretin perfekt-virtuose Technik mit romantischer Einfühlsamkeit und großer Leidenschaft kombinierte. Soviel Eleganz und soviel Delikatesse verdienten einen begeisterten Applaus des Publikums, das nach langem Bitten auch noch mit einer Zugabe beschenkt wurde: einer Nocturne, ebenfalls von Chopin, die vielen noch aus dem Polanski-Film "Der Pianist" nach dem Roman von Szpilman in Erinnerung war. [...]