Portrait Yu Kosuge

Yu Kosuge wurde 1983 in Tokio geboren. 1992, gerade 9 Jahre alt, wurde sie eingeladen, in der Kölner Philharmonie zu spielen. "Ich kam mit meiner Mutter nach Deutschland, wo mir die Atmosphäre unglaublich gut gefallen hat. Dann hab ich einfach meine Siebensachen in Tokio gepackt und bin hierher gekommen." Wohlgemerkt: 9 Jahre alt ist Yu Kosuge da." Ich habe mit meiner Familie geredet", sagt, " aber ich wollte nach Deutschland" - und dabei betont sie das " ich" mit einer ganz herzlichen, selbstbewussten Nachdrücklichkeit. Eine, die weiß was sie will, weil sie es aus purer Freude will und damit überzeugt. Das ist das eigentliche Wunder an einem Wunderkind, nicht die Brillanz, mit der Läufe über Tasten huschen.

Yu Kosuge bringt aus Tokio eine umfassende Musikausbildung mit. Ihre Mutter unterrichtet Klavier, und von Kindesbeinen an hört Yu das klassische Pianistenrepertoire. Das Klavier gehört in ihre Welt und "es war wie ein Spielzeug, am Anfang". Gerade mal 2 oder 3 Jahre alt sitzt sie auf dem Knie der Mutter und fängt an, auf und mit dem Klavier zu spielen.

Aus dem Spiel wird Spiel - und dieses Wortspiel wiederum entpuppt sich geradezu als ein Leitmotiv für Yu Kosuge und ihren Weg als Pianistin. Wenn Yu Kosuge von ihrem Beruf erzählt, hat man den Eindruck, dass die Freude am Spiel ganz fundamental erhalten bleibt. Sehr freundlich und hell klingt ihre Stimme, ganz und gar unprätentiös, gestützt von einer großen Portion Lebensfreude und Witz. "Damals als Kind hat mir einfach alles Spaß gemacht, zu spielen. Als richtigen Beruf habe ich das Klavier erst später gesehen."

So sollte es sein, möchte man nickend hinzufügen, wohl wissend, dass es nicht immer so ist. Freude allein reicht nicht. Yu Kosuge erhält in Japan die Förderung für Hochbegabte. Bereits vierjährig, geht sie an die Musikhochschule in Tokio und lernt dort, neben der normalen Schule, die musikalischen Grundlagen wie Harmonielehre und Musikgeschichte. In Japan besteht die Möglichkeit, Kinder sehr früh parallel zum Instrumentalunterricht umfassend theoretisch auszubilden. Von Anfang an wird kindgerecht vermittelt, was sich hinter den Tönen verbirgt, die aus dem Klavier herauskommen. Yu Kosuge betont, wie wichtig das für sie war.

Bei ihrem Deutschland-Debüt fällt ihr großes Talent auf. Den zweiten Teil ihrer Kindheit sozusagen verbringt sie danach dort. "Musik ist eigentlich überhaupt nicht zu konkurrieren.", sagt Yu Kosuge nicht kokett sondern ehrlich. Der Blick auf die lange Liste ihrer Wettbewerbserfolge und Preise mag zu dieser Behauptung zunächst nicht so recht passen. Konkurrenzlos stand sie nach Meinung der Jury beim Grotrian-Steinweg-Klavierwettbewerb und beim Steinway-Wettbewerb da, erhielt mit zwölf Jahren den Förderpreis der Internationalen Sommerakademie des Mozarteums in Salzburg, das ihr einen Auftritt im Rahmen der Salzburger Festspiele einbrachte. Stipendien wie u.a. den der Deutschen Stiftung Musikleben und der Jürgen-Ponto-Stiftung unterstützen die junge Pianistin bei ihrem Studium. Fließend geht studieren und konzertieren ineinander über und bald tritt sie international mit Solorezitals oder als Solistin mit großen Orchestern und Dirigenten auf.

Natürlich ist ein großer Respekt der jungen Künstlerin im Spiel, wenn Yu Kosuge mit erfahrenen Dirigenten wie Rudolf Barschai, Dennis Russel Davis, oder Max Pommer zusammenarbeitet, aber - betont sie - "ich muss meine eigene Musik dann mitbringen können und wenn nötig auch dafür eintreten." Die Kritiker bestätigen das, überschlagen sich in ihrer Bewertung und feiern sie als "Ausnahme-Pianistin".
Yu Kosuge hat CDs eingespielt, die von Fachleuten den Referenzaufnahmen großer Pianisten an die Seite gestellt werden. Beispielsweise ihre Aufnahme mit Chopin-Werken, die gewissermaßen auf Augenhöhe mit jenen Einspielungen steht, die einmal Maßstäbe gesetzt haben. In den schwierigen Zeiten, in denen sich die Plattenkonzerne heute befinden und in denen Schallplattenverträge eine Rarität sind, hat die Weltfirma SONY mit Yu Kosuge eine Vereinbarung getroffen. Anfang Juni 2003 wurde ihre erste SONY-Aufnahme der 12 Etudes d'exécution transcendante von Liszt veröffentlicht, die ihr wiederum ausgezeichnete Kritiken (u.a. in Fonoforum mit je 4 Sternen für Interpretation und Klang) einbrachten und im Juli 2003 CD des Monats bei SONY war. Dieses Werk hat für Yu Kosuge eine besondere Bedeutung: es ist ein Glanzstück im Platten-Repertoire von Claudio Arrau, der Yu Kosuges großes Vorbild ist.

Yu Kosuge hat etwas zu bieten, an dem sie sich messen lässt. Sie stellt in ihrer Natürlichkeit und Frische eine Welt für sich dar. So sollte es sein, möchte man nickend hinzufügen, wohl wissend, dass es nicht immer so ist.

Yu Kosuge hat erst bei Kämmerling in Hannover studiert, bis sie zu András Schiff kam, der von ihr begeistert ist, und mit ihr arbeitet, wann immer es sein Terminkalender erlaubt. Momentan lebt Yu Kosuge in Hannover und Salzburg. Soeben hat sie ihr Diplom am Mozarteum Salzburg mit Bravour abgelegt. Sie liebt die Atmosphäre dieser Stadt, Salzburgs Schlösser und die Salzach. Beim Klavierspielen schaut sie auf die Berge vor ihrem Fenster und genießt das. Ist Klavier alles? Sie lacht. Eine begeisterte Fußballspielerin sei sie. Heute vielleicht eher als Zuschauerin, aber früher hat sie gerne gekickt. Außerdem faszinieren sie Bücher; vor allem Science Fiction und Fantasy-Literatur liest sie unheimlich gerne. Als erstes nennt sie den "Herrn der Ringe", dann, als sei's die logische Abfolge: japanische Literatur auf Japanisch und die Werke von Schiller oder englische Bücher. Eine bunte Mischung, die sie danach auswählt, was ihr Spaß macht. Auch bei ihrem Repertoire auf dem Klavier setzt Yu Kosuge ähnliche Auswahlkriterien an. Einen Komponisten einem anderen vorziehen mag sie gar nicht. Der Grund dafür ist denkbar einfach: Weil ihr - ohne dabei unkritisch zu sein - eigentlich alles gefällt. "Das Klavier ist der Ort, wo ich meine Gefühle am meisten ausdrücken kann. Und das ist halt meine ganze Seele." So, wie sie das sagt, wird klar: Freude hat einfach nichts mit der Oberfläche, sondern mit dem Inneren zu tun. Logisch schließt sich daran auch ein ganz besonderes Anliegen von Yu Kosuge an. In Japan gibt sie immer wieder Wohltätigkeits-Konzerte, geht in Krankenhäuser und spielt für die Menschen dort. "Für mich ist das Wichtigste, dass man als Pianist den Menschen, die zuhören, Freude überbringt, dass sie etwas Glück gewinnen", sagt die junge Frau. Und wieder möchte man nicken - und vor allem zuhören.